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Demografie und kommunale Finanzen: Was 2035 auf Kommunen zukommt

Der demografische Wandel ist kein abstraktes Zukunftsproblem. Er ist bereits in den Haushaltszahlen sichtbar — und wird sich bis 2035 dramatisch zuspitzen. Eine Analyse.

Redaktion  ·  2026-06-17  ·  12 Minuten Lesezeit

Die kommunale Finanzmisere der 2030er Jahre wird durch zwei demografische Trends gleichzeitig geformt:

Erstens: Die Babyboomer-Generation erreicht das Rentenalter. Zwischen 2025 und 2035 verlassen die geburtenstarken Jahrgänge 1955–1965 den Arbeitsmarkt. Für Kommunen bedeutet das: Massenverrentung in der eigenen Verwaltung, sinkende Gewerbesteuereinnahmen in alternden Wirtschaftsregionen und — in vielen Stadtteilen — strukturell sinkende Kaufkraft.

Zweitens: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die intensive staatliche Unterstützung benötigen, wächst. Kinderarmut, Bildungsbenachteiligung, psychische Belastungen — die Nachfrager nach kommunalen Sozialleistungen werden mehr, nicht weniger.

Beide Trends treffen die gleiche Kasse. Das ist die demografische Grundkonstellation der kommunalen Finanzen bis 2035.


Was die Zahlen sagen

Einnahmeseite: Gewerbesteuer unter Druck

Die Gewerbesteuer ist für viele Kommunen die wichtigste eigene Einnahmequelle. Sie hängt direkt an der Wirtschaftstätigkeit vor Ort.

Das demografische Problem: In Regionen mit starkem Bevölkerungsrückgang (große Teile Ostdeutschlands, aber auch ländliche Räume im Westen) sinkt die wirtschaftliche Basis. Unternehmen folgen der Bevölkerung — oder gründen dort erst gar nicht.

Der Unterschied zwischen wachsenden und schrumpfenden Kommunen wird sich bis 2035 verschärfen:

Ausgabenseite: Sozialleistungen bleiben strukturell teuer

Die Hoffnung, dass die Sozialausgaben durch demografische Alterung sinken (weniger Kinder = weniger HzE), ist empirisch nicht belegt. Was stattdessen passiert:

Personalseite: Die Verrentungswelle

Zwischen 2025 und 2030 werden in deutschen Kommunen ca. 30 % der Verwaltungsstellen altersbedingt frei — je nach Bundesland und Verwaltungsgröße. Was das bedeutet:


Wer besonders gefährdet ist

Die Spreizung zwischen demografischen Gewinnern und Verlierern wird größer. Gefährdet sind insbesondere:

Altindustrielle Städte im Ruhrgebiet und in Sachsen-Anhalt: Jahrzehnte des Bevölkerungsrückgangs haben die Steuerbasis geschwächt, während der Sozialausgabenbedarf hoch bleibt. Ohne strukturellen Wandel ist kein Ausweg aus dem Kreislauf aus Schuldendienst und Pflichtleistungen erkennbar.

Mittlere Kreisstädte in strukturschwachen Regionen: Zu groß für ländliche Solidarstrukturen, zu klein für Urbanisierungsgewinne. Diese Kommunen tragen oft überproportionale Infrastrukturlasten (Krankenhäuser, Schulen, Verkehr) für einen schrumpfenden Einzugsbereich.

Kommunen mit hohem Beamtenanteil und altersstrukturell ungünstiger Verwaltung: Hohe Pensionsrückstellungen + Verrentungswelle + Rekrutierungsdruck = perfekter Sturm.


Was strategisch kluge Kommunen jetzt tun

1. Bevölkerungsprognosen ernst nehmen

Viele kommunale Haushaltspläne rechnen mit stabilen oder wachsenden Bevölkerungszahlen — obwohl die amtliche Statistik das Gegenteil zeigt. Das ist keine Optimismus, das ist Selbsttäuschung.

Empfehlung: Mittelfristige Finanzplanung auf Basis von drei Szenarien (Wachstum, Stagnation, Schrumpfung) — nicht nur dem optimistischen.

2. Infrastruktur an reale Nachfrage anpassen

Eine Schule, die für 600 Schüler gebaut wurde und heute 280 hat, kostet pro Schüler fast das Doppelte. Das gilt für Sportstätten, Verwaltungsgebäude, Straßen.

Demografiegerechte Infrastrukturplanung bedeutet: Welche Einrichtungen können wir mit sinkender Nutzung nicht mehr aufrechterhalten? Was kann zusammengelegt, was kann aufgegeben werden?

Das ist politisch unpopulärer als Haushaltskürzungen. Es ist aber notwendiger.

3. Personalstrategie 10 Jahre im Voraus

Wer jetzt nicht plant, wer 2030 in welchen Funktionen gebraucht wird, wird 2030 improvisieren. Kompetenztransfer, Nachfolgeplanung, gezielte Ausbildung — das dauert Jahre.

4. Interkommunale Kooperation vertiefen

Aufgaben, die allein zu teuer werden, können gemeinsam günstiger erledigt werden. Das gilt für IT, für Standesämter, für Bauhöfe. Die politische Hürde ist hoch — die wirtschaftliche Notwendigkeit wächst.


Fazit

Der demografische Wandel ist keine Naturgewalt, auf die Kommunen nur reagieren können. Er ist ein bekannter, gut prognostizierbarer Trend — der dennoch in den meisten kommunalen Haushaltsstrategien nicht ernst genommen wird.

Die Kommunen, die 2035 handlungsfähig sind, sind die, die heute anfangen, ihre Infrastruktur, ihre Personalstruktur und ihre Ausgabenprofile an die demografische Realität anzupassen.

Das erfordert Entscheidungen, die unpopulär sind. Aber die Alternative — weiterzumachen wie bisher und zu hoffen, dass der Bund einspringt — ist teurer.

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