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10. Oktober 2026

Zinsausgaben der Kommunen 2026: Plus 13 Prozent – die Zinslast wird zur neuen Ausgabenfalle

Kommunale Zinsausgaben steigen im 1. Halbjahr 2026 um 13,1 % auf 2,4 Mrd. Euro, fünfmal so schnell wie die Gesamtausgaben. Zahlen, Städte, Gegenmittel.

Redaktion  ·  2026-10-09  ·  6 Minuten Lesezeit

Unter den Ausgabenarten, die das Statistische Bundesamt für die Kommunen ausweist, ist er der kleinste – und er wächst am schnellsten. Nach den Halbjahreszahlen des Statistischen Bundesamts stiegen die Zinsausgaben der Gemeinden und Gemeindeverbände im ersten Halbjahr 2026 um 13,1 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro [1]. Die bereinigten Ausgaben insgesamt wuchsen im selben Zeitraum um 2,7 Prozent. Die Zinsen legen also fast fünfmal so schnell zu wie der Gesamthaushalt.

In absoluten Zahlen wirkt das überschaubar: Personal kostete im selben Halbjahr 54,7 Milliarden Euro, soziale Leistungen 46,3 Milliarden Euro [1]. Diese Rechnung greift jedoch zu kurz. Die Zinsausgaben wachsen mit nahezu jeder neuen Haushaltslücke automatisch mit. Personal und Soziales lassen sich zumindest teilweise steuern, der Zins dagegen folgt der Verschuldung. Und die steigt.


Die Zahlen: Schulden auf Rekordniveau, Kassenkredite wieder im Aufwind

Ende des zweiten Quartals 2026 waren die Gemeinden und Gemeindeverbände mit 200,2 Milliarden Euro verschuldet, 2,9 Milliarden Euro oder 1,5 Prozent mehr als im Vorquartal [2]. Der Kommunale Finanzreport 2026 der Bertelsmann Stiftung ordnet das ein: Der Tiefstand lag 2020 bei rund 130 Milliarden Euro, seitdem ist die Gesamtverschuldung um mehr als 50 Prozent gestiegen [3].

Der größere Teil des Anstiegs entfällt auf Investitionskredite, denen Vermögenswerte gegenüberstehen. Kritischer sind die Kassenkredite. Sie waren in den guten Jahren auf rund 28 Milliarden Euro abgebaut worden. Für 2025 weist der Finanzreport wieder rund 39 Milliarden Euro aus, betroffen sind vor allem Kommunen in Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen [3]. Allein in NRW sind die Kassenkredite seit 2021 um sechs Milliarden Euro gestiegen [3].

Das Problem dieser Kredite beschreibt der Finanzreport klar: Wegen ihrer kurzen Laufzeit müssen sie laufend refinanziert werden, die Haushalte sind damit erheblichen Zinsänderungsrisiken ausgesetzt [3]. Für einige hochverschuldete Kommunen sehen die Autoren bereits wieder Engpässe auf dem Kreditmarkt in Form sinkender Angebote, gleichzeitig steige die Belastung aus Zinsen für Prolongationen infolge der deutlich höheren Zinssätze [3].

Zinslast der Kommunen in Zahlen (Stand Oktober 2026)
  • Zinsausgaben 1. Halbjahr 2026: 2,4 Mrd. Euro, +13,1 % zum Vorjahreszeitraum [1]
  • Bereinigte Ausgaben insgesamt: 204,1 Mrd. Euro, +2,7 % [1]
  • Kommunale Verschuldung Ende Q2 2026: 200,2 Mrd. Euro, +1,5 % zum Vorquartal [2]
  • Kassenkredite 2025: rund 39 Mrd. Euro, nach rund 28 Mrd. Euro auf dem Tiefstand [3]
  • Neun BW-Großstädte: Zinslast 127 Mio. Euro (2024) → voraussichtlich 217 Mio. Euro (2027) [4]
  • Bundeshilfe LKEG: 250 Mio. Euro pro Jahr für Kommunen mit übermäßigen Kassenkrediten, 2026–2029 [5][6]

Welche Städte es trifft: Der Süden holt auf

Bislang galt die Zinsfrage als Problem der Altschuldenkommunen im Ruhrgebiet, in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Das ändert sich. Der Bund der Steuerzahler Baden-Württemberg hat im Juni 2026 die neun Großstädte des Landes mit mehr als 100.000 Einwohnern ausgewertet, Kernhaushalt und Eigenbetriebe zusammen [4]. Ihre Zinslast steigt von 127 Millionen Euro im Jahr 2024 auf voraussichtlich 217 Millionen Euro im Jahr 2027, ein Plus von gut 70 Prozent (eigene Berechnung aus [4]).

Die Einzelwerte, soweit der Steuerzahlerbund sie ausweist [4]:

Stuttgart steht exemplarisch für die neue Lage: eine Stadt mit hoher Wirtschaftskraft, deren Zinsausgaben sich binnen drei Jahren mehr als verdoppeln. Der Steuerzahlerbund warnt vor einer Spirale, in der neue Schulden zusätzliche Kosten verursachen [4]. Der Finanzreport stützt den Befund: Der relative Schuldenzuwachs war in Baden-Württemberg am größten, dort traf er bislang wirtschaftlich gesunde Kommunen [3].


Warum die Zinsen schneller steigen als die Schulden

Drei Mechanismen wirken gleichzeitig.

Erstens: Prolongation zu neuen Konditionen. Kredite, die in der Niedrigzinsphase bis 2021 aufgenommen oder verlängert wurden, laufen nach und nach aus. Jede Anschlussfinanzierung erfolgt zum heutigen Zinsniveau. Der Effekt tritt zeitverzögert ein und hält über Jahre an, weil Zinsbindungen gestaffelt enden. Der Finanzreport beobachtet genau diese steigende Belastung aus Prolongationen [3].

Zweitens: Kurzfristige Kredite reagieren sofort. Kassenkredite haben keine langfristig festgeschriebenen Zinssätze [3]. Wer laufende Defizite über Liquiditätskredite deckt, trägt das Zinsrisiko unmittelbar im Ergebnishaushalt.

Drittens: Neue Schulden für Defizite statt für Werte. Die Kommunen schrieben 2025 ein Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro [7], im ersten Halbjahr 2026 erneut 20,1 Milliarden Euro [1]. Was nicht durch Rücklagen gedeckt ist, wird über Kredite finanziert. Damit wächst die Zinsbasis Jahr für Jahr mit.

Ein Rechenbeispiel zur Größenordnung: Steigt der durchschnittliche Zins auf Kassenkredite von rund 39 Milliarden Euro um einen Prozentpunkt, bedeutet das rechnerisch rund 390 Millionen Euro Mehrausgaben pro Jahr. Das ist mehr als die 250 Millionen Euro, die der Bund über das Länder- und Kommunalentlastungsgesetz jährlich für Kommunen mit übermäßigen Kassenkrediten bereitstellt (eigene Modellrechnung, keine Prognose).


Die Entlastung: richtig adressiert, zu klein dimensioniert

Das Länder- und Kommunalentlastungsgesetz (LKEG) hat der Bundestag am 9. Juli 2026 beschlossen, der Bundesrat stimmte am 10. Juli zu [6]. Der Gesetzentwurf benennt das Problem ausdrücklich: Hohe Zins- und Tilgungslasten schränkten die Haushaltsspielräume der betroffenen Kommunen erheblich ein [5]. Die Liquiditätskredite in den finanzschwachen Flächenländern bezifferte die Bundesregierung für Ende 2024 auf rund 32 Milliarden Euro [5].

Nordrhein-Westfalen erhält 65,8 Prozent der Bundesmittel, rund 164 Millionen Euro pro Jahr, und gibt sie nach eigenen Angaben vollständig an mehr als 200 Kommunen weiter [6]. Die Mittel sind zweckgebunden für Zins und Tilgung der Liquiditätskredite, Grundlage ist der Bestand zum 31. Dezember 2024 oberhalb von 100 Euro je Einwohner, ein Antrag ist nicht nötig [6]. Hinzu kommt das NRW-Altschuldenentlastungsgesetz, mit dem das Land knapp neun Milliarden Euro kommunaler Liquiditätskredite übernimmt [6].

Der Finanzreport bleibt skeptisch: Die zugesagten Mittel des NRW-Gesetzes reichten statistisch gerade aus, die Defizite der Jahre 2025 und 2026 zu decken, eine nachhaltige Senkung der Schulden- und Zinslast werde nicht erreicht [3]. Die Hilfe ist richtig adressiert, sie dämpft aber den Bestand von gestern, während die laufenden Defizite den Bestand von morgen aufbauen.


Auch Investitionskredite gehören auf den Prüfstand

Investitionskredite galten lange als unproblematisch, weil ihnen Vermögen gegenübersteht. Der Finanzreport fordert ausdrücklich eine Neujustierung: Auch diese Kredite führten zu Zins- und Tilgungsverpflichtungen, die in vielen Kommunen auf absehbare Zeit nicht finanziert werden könnten [3].

Der Druck nimmt zu. Laut KfW-Kommunalpanel planen die Kommunen für 2026 Sachinvestitionen von rund 50 Milliarden Euro, 14,8 Prozent mehr als im Vorjahr; den wahrgenommenen Investitionsrückstand beziffert die KfW auf den Rekordwert von 231,2 Milliarden Euro [8]. Wer Sondervermögen-Projekte mit kommunalem Eigenanteil kofinanziert, muss die Folgekosten aus Zins und Tilgung in die mittelfristige Planung aufnehmen, bevor der Spatenstich erfolgt. Wie die Länder die Mittel verteilen, zeigt unsere Übersicht zum Sondervermögen Infrastruktur.


Was Kämmereien jetzt tun sollten

  1. Zinsänderungsrisiko beziffern. Für das gesamte Kreditportfolio ausweisen, welche Volumina bis 2029 aus der Zinsbindung laufen und was ein Prozentpunkt mehr im Ergebnishaushalt kostet. Diese Zahl gehört in jeden Haushaltsvorbericht.
  2. Kassenkredite langfristig absichern, wo das Landesrecht es zulässt. Der Finanzreport verweist darauf, dass in NRW Kassenkredite inzwischen auch längerfristig in Zins und Tilgung vertraglich abgesichert werden können [3].
  3. Prolongationskalender führen. Anschlussfinanzierungen nicht erst bei Fälligkeit verhandeln, sondern zwölf bis 18 Monate vorher Angebote einholen und Forward-Konditionen prüfen. Mehr dazu im Leitfaden Kommunale Schulden aktiv managen.
  4. LKEG-Mittel konsequent zur Tilgung nutzen. Die Bundesmittel sind für Zins und Tilgung gebunden [6]. Wer sie vorrangig in die Tilgung der teuersten kurzfristigen Kredite lenkt, senkt die Zinsbasis dauerhaft.
  5. Eigenbetriebe und Beteiligungen einbeziehen. Die BdSt-Auswertung zählt Kernhaushalt und Eigenbetriebe zusammen [4]. Eine Zinsstrategie, die nur den Kernhaushalt betrachtet, übersieht einen Teil der Last.
  6. Folgekosten jeder Kreditaufnahme im Beschluss ausweisen. Jede Kreditermächtigung sollte die jährliche Zins- und Tilgungslast über die Laufzeit offenlegen, damit Räte die Dauerwirkung sehen.
  7. Strukturdefizit vor Zinsfrage lösen. Solange laufende Defizite über Kassenkredite gedeckt werden, wächst die Zinslast weiter. Warum das Problem strukturell ist, zeigt unsere Analyse Kassenkredite als Normalzustand.

Fazit

Mit 2,4 Milliarden Euro im Halbjahr sind die Zinsen noch kein dominanter Kostenblock. Ihr Wachstum ist jedoch das deutlichste Warnsignal im kommunalen Ausgabenbild: Sie steigen fast fünfmal so schnell wie der Gesamthaushalt und nicht mehr nur in den bekannten Altschuldenkommunen, sondern auch in wirtschaftsstarken Städten wie Stuttgart. Das Rekorddefizit von heute ist die Zinslast von morgen, wie auch unsere Analyse zum kommunalen Defizit 2026 zeigt. Kämmereien, die ihr Zinsrisiko jetzt beziffern und steuern, gewinnen Spielraum zurück, den die Bundeshilfe allein nicht schafft.


Quellen

  1. Kommunales Finanzierungsdefizit im 1. Halbjahr 2026 erneut bei 20,1 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 349 – 1. Oktober 2026
  2. Öffentliche Schulden im 2. Quartal 2026 um 1,0 % höher als im Vorquartal – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 341 – 29. September 2026
  3. Kommunaler Finanzreport 2026. Die Krise verschärft sich – Bertelsmann Stiftung – Juni 2026
  4. Zinslasten der Städte in Baden-Württemberg werden zum Problem – Bund der Steuerzahler Baden-Württemberg – 12. Juni 2026
  5. Hochverschuldeten Kommunen soll geholfen werden – Deutscher Bundestag, hib 503/2026 – 19. Juni 2026
  6. Land leitet Bundesmittel für kommunale Altschulden vollständig an mehr als 200 Kommunen weiter – Landesregierung Nordrhein-Westfalen – 14. September 2026
  7. Kommunen verzeichnen im Jahr 2025 neues Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro – Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 114 – 1. April 2026
  8. KfW-Kommunalpanel: Kommunen wollen in diesem Jahr deutlich mehr investieren – KfW Research – 17. Juni 2026
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